Autismus
Kinder mit Autismus haben große Probleme, Kontakt mit Gleichaltrigen aufzubauen
Krankheiten

Autismus – Ursachen, Symptome und Therapie

Der Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die den psychischen Erkrankungen zugerechnet wird. Die Wahrnehmung- und Informationsverarbeitung des Gehirns ist beim Autismus unheilbar gestört.

Was ist Autismus?

Der Begriff Autismus leitet sich vom griechischen „autós“ für „selbst“ ab. Die psychische Erkrankung wird entsprechend der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den tief gehenden Entwicklungsstörungen zugeordnet. Da es verschiedene Ausprägungen und Schweregrade des Autismus gibt, sprechen Fachleute auch von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Genaue Abgrenzungen und Differenzierungen können innerhalb dieses Spektrums aufgrund der fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Formen häufig nicht getroffen werden.

In den meisten Fällen macht sich die angeborene Störung bereits in den ersten fünf Lebensjahren deutlich bemerkbar. Grundsätzlich kann zwischen dem Asperger-Syndrom und dem frühkindlichen Autismus, dem sogenannten Kanner-Syndrom, unterschieden werden. Während sich die ersten Symptome des frühkindlichen Autismus schon kurz nach der Geburt ausbilden können, werden Kinder mit Asperger-Syndrom häufig erst nach dem dritten Lebensjahr auffällig.

Eine genaue Definition des Autismus ist aufgrund der Komplexität des Krankheitsbildes nur sehr schwer möglich. Kurz gefasst ist die Erkrankung jedoch durch drei Merkmale charakterisiert. Zum einen sind die sozialen Fähigkeiten der Betroffenen stark beeinträchtigt. Auch Kommunikation und Sprache sind schwer gestört. Zum anderen verhalten sich Autisten oft stereotyp, wiederholen sich und benötigen bestimmte Rituale.

Pro 1.000 Einwohner sind sechs bis sieben Menschen von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen. Dabei steigt die Zahl der Autismusfälle stark an. So gibt das Center for Disease Control (CDC) in den USA einen Anstieg von bis zu 57 Prozent an. Dabei ist bisher unklar, ob es sich um eine tatsächliche Erhöhung der Fälle handelt. So könnten die erhöhten Fallzahlen auch auf eine bessere Diagnostik oder eine Verbreiterung der Definition der Erkrankung zurückzuführen sein.

Autismus – Ursachen

Die genauen Ursachen der psychischen Erkrankung sind noch nicht vollständig geklärt. Lange Zeit wurde die Theorie vertreten, dass der Autismus durch eine lieblose Erziehung, mangelnde elterliche Zuwendung und emotionale Kälte der Mutter hervorgerufen wird. Diese Hypothese zur Krankheitsentstehung ist heute obsolet.

Vielmehr gehen Forscher mittlerweile davon aus, dass Veränderungen im Erbgut bei der Entstehung des Autismus eine entscheidende Rolle spielen. So zeigen Zwillings- und Geschwisterstudien, dass das Risiko für eine Autismuserkrankung bei Geschwistern von autistischen Kindern um den Faktor 50 erhöht ist. Bei eineiigen Zwillingen sind in 90 Prozent der Fälle beide Geschwisterkinder autistisch. Zweieiige Zwillinge zeigen ein deutlich reduziertes Risiko von 23 Prozent. Die genetische Forschung zeigt aber auch, dass es nicht nur ein Gen gibt, das für die Störung verantwortlich ist. Bisher wurden mehr als 100 Gene und 40 Genorte identifiziert, die an der Entstehung des Autismus beteiligt sein könnten. So wird mittlerweile davon ausgegangen, dass das große Spektrum der autistischen Störungen auch auf die Vielzahl der Kombinationsmöglichkeiten bei den genetischen Abweichungen zurückgeht.

Bei Menschen mit Autismus zeigen sich häufig schon bei der Entwicklung des Gehirns im Mutterleib Auffälligkeiten. Der hintere Hirnabschnitt weist ein größeres Volumen auf und auch der Kopfumfang ist in den ersten Lebensjahren größer als bei gesunden Kindern. Ferner scheint der Informationsfluss im Gehirn bei Autisten verändert zu sein. So zeigen funktionelle Hirnscans sowohl Bereiche erhöhter als auch Bereiche verminderter Aktivität.

Auffällig ist ferner eine geringe Synchronisation von speziellen Aktivitätsmustern der einzelnen Gehirnbereiche. Man spricht hier auch einer globalen Unterkonnektivität. Neben dieser globalen Unterkonnektivität kommt es aber auch zu einer lokalen Überkonnektivität. Das bedeutet, dass sowohl die Synchronisation als auch die Aktivität verschiedener Gehirnbereiche lokal erhöht sein können. Mithilfe dieser Theorie der atypischen Konnektivität lassen sich viele Verhaltenmuster von Autisten erklären.
Autistische Kinder und Erwachsene zeigen zudem häufig Störungen im Serotonin- und Dopaminstoffwechsel. Die beiden Botenstoffe spielen eine wichtige Rolle für die Funktion des Zentralnervensystems (ZNS).

Vermehrt wird auch über die Rolle des Arzneistoffes Paracetamol bei der Entstehung der Entwicklungsstörung diskutiert. So zeigen einige Studien einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme des Wirkstoffs in der Schwangerschaft und der Autismus-Spektrum-Störung auf. Die Forscher vermuten, dass Paracetamol die Entwicklung des Nervensystems bei den Kindern im Mutterleib beeinträchtigt. Es ist denkbar, dass der Wirkstoff über eine Bindung an die Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn auf die Reifung und Vernetzung der Nervenbahnen Einfluss nimmt. Noch ist allerdings unklar, ob es sich wirklich um einen kausalen Zusammenhang handelt.

Autismus – Symptome

Das Symptombild bei der Autismus-Spektrum-Störung ist sehr vielseitig. Dennoch gibt es je nach Erkrankungstyp verschiedene Diagnosekriterien.

Kinder mit einem frühkindlichen Autismus weisen eine ausgeprägte Beeinträchtigung des sozialen Miteinanders auf. Nonverbale Verhaltensweisen, die zur Steuerung sozialer Kontakte notwendig sind, werden nur wenig oder gar nicht beherrscht. Dazu gehören unter anderem Blickkontakt, Körperhaltung, Gestik und Mimik. Dadurch sind die Kinder nicht in der Lage, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Häufig besteht auch überhaupt kein Interesse, in Kontakt mit anderen zu treten. Diese qualitative Beeinträchtigung des sozialen Kontakts zeigt sich oft schon in den ersten Lebensmonaten. Die Kinder nehmen anders als nicht-autistische Babys keinen Kontakt zu den Eltern auf. Sie lächeln nicht, suchen keinen Blickkontakt und strecken beispielsweise nicht die Arme aus, um hochgenommen zu werden. Es ist jedoch zu beachten, dass die emotionale Bindung zu der Mutter trotz dieser fehlenden Kontaktaufnahme in der Regel genauso stark ist wie bei nicht-autistischen Kindern.

Auch die Kommunikation ist bei Kindern mit einer frühkindlichen Autismusstörung gestört. Die gesprochene Sprache setzt entweder verzögert ein oder bleibt komplett aus. Im Gegensatz zu beispielsweise stummen Kindern unternehmen Autisten auch nicht den Versuch, diese Beeinträchtigung durch eine alternative Kommunikation in Form von Gesten zu kompensieren. Autistische Kinder, die sprechen können, wiederholen sich häufig oder nutzen eine stereotype Sprache. Sie können ein Gespräch nur sehr schwer beginnen oder fortführen.

Ferner zeigen sich im Verhalten, in den Interessen und in den Aktivitäten der Betroffenen stereotype und sich wiederholende Verhaltensmuster. Autisten sind unflexibel und orientieren sich an bestimmten Gewohnheiten oder Ritualen, die häufig nicht funktional sind. Ferner zeigen autistische Kinder stereotype Verhaltensweisen wie beispielsweise Flattern mit den Händen oder auffällige Bewegungen mit dem gesamten Körper. Sie beschäftigen sich oft stundenlang stereotyp mit bestimmten Tätigkeiten. Der Schwerpunkt dieser Beschäftigungen erscheint Außenstehenden oft abnorm oder sogar absurd.

Treten all diese Symptome in Kombination mit einem normalen Intelligenzquotienten auf, liegt ein hochfunktionaler Autismus vor. Häufig stellen Ärzte zunächst jedoch aufgrund der verzögerten Sprachentwicklung die falsche Diagnose des niedrigfunktionalen frühkindlichen Autismus, also des Autismus mit eingeschränkter Intelligenz.

Zeigen sich die Symptome des frühkindlichen Autismus erst nach dem dritten Lebensjahr oder weisen die Betroffenen nicht alle Symptome auf, spricht man von einem atypischen Autismus. Tritt der atypische Autismus zusammen mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Intelligenz auf, so wird dies häufig auch als Intelligenzminderung mit autistischen Zügen bezeichnet. Allerdings sind Intelligenztests unter Experten bei Autisten durchaus umstritten. Forschungen deuten darauf hin, dass die Intelligenzminderung häufig durch den Test bedingt ist. So schneiden Autisten bei bestimmten Intelligenztests deutlich besser und bei anderen deutlich schlechter ab. Dies wird als Hinweis darauf gewertet, dass Autisten nicht weniger intelligent sind, sondern eine andere Art der Intelligenz aufweisen.

Eine leichte Form des Autismus, die sich in der Regel erst nach dem dritten Lebensjahr manifestiert, ist das Asperger-Syndrom. Ebenso wie beim frühkindlichen Autismus ist auch hier das soziale Interaktionsverhalten stark beeinträchtigt. Dies betrifft insbesondere zwei Bereiche. Zum einen sind Menschen mit Asperger-Syndrom kaum in der Lage eine zwanglose Beziehung zu ihren Mitmenschen aufzubauen. Zum anderen ist die nonverbale Kommunikation stark eingeschränkt. Zwar besteht durchaus Interesse daran, eine Beziehung zu Gleichaltrigen aufzubauen, oft fehlen dafür aber die nötigen sozialen Kompetenzen und Fähigkeiten. So können Menschen mit Asperger-Syndrom nur schwer Blickkontakt mit anderen Menschen halten oder sie vermeiden den Körperkontakt. Belangloser Small Talk fällt den Betroffenen eher schwer.

Auffällig sind zudem die Sonderinteressen und die stereotypen Verhaltensmuster, die Menschen mit Asperger-Syndrom zeigen. Ihr Leben ist durch Routinen geprägt, die Sicherheit verleihen. Ritualisierte Handlungen können unter anderem motorisch sein oder durch wiederholte Sprechhandlungen in Erscheinung treten. In ihren Interessensgebieten zeigen Autisten oft enorme Fähigkeiten oder ein ausgeprägtes Fachwissen. Häufig finden sich diese Interessensgebiete im Bereich der Mathematik oder der Naturwissenschaft. Doch es sind auch sogenannte Inselbegabungen in anderen Gebieten wie beispielsweise der Musik bekannt.

Autismus – Therapie

Die Behandlung der Autismusstörung ist sehr individuell und wird auf die Symptome der Betroffenen abgestimmt. Insbesondere bei Kindern ist es wichtig, dass das gesamte Umfeld der Kinder in die Behandlung mit einbezogen wird. Therapieangebote für Erwachsene sind noch sehr selten zu finden.

Die Verhaltenstherapie zeigt bei den meisten Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gute Erfolge. Im Rahmen der Therapie sollen die Betroffenen unangemessene Verhaltensweisen abbauen und soziale und kommunikative Fähigkeiten erlernen. Häufig wird hier mit positiver Verstärkung gearbeitet. Das bedeutet, dass erwünschtes Verhalten belohnt wird. Zur Frühförderung wird hingegen häufig die Angewandte Verhaltensanalyse (Applied Behavior Analysis) genutzt. Diese ganzheitlich ausgerichtete Therapieform dient dem Aufbau der fehlenden Funktionen und Fähigkeiten der Kinder. Die Therapie basiert grundsätzlich auf dem Verfahren des operanten Konditionierens. Richtiges Verhalten wird belohnt, falsches Verhalten hingegen gelöscht.

Begleitsymptome, die bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung häufig auftreten, werden oft medikamentös behandelt. So können atypische Neuroleptika oder Benzodiazepine Angst, Depressionen oder Zwänge abmildern. Generell ist bei der Anwendung von Medikamenten jedoch Vorsicht geboten, da sie bei falscher Nutzung die Symptome verschlimmern können. Insbesondere Stimulanzien können die sensorische Überempfindlichkeit von Autisten noch verstärken. So zeigt beispielsweise die Substanz Methylphenidat, bekannt unter der Bezeichnung Ritalin, bei Autisten eine deutlich reduzierte Wirksamkeit bei einer hohen Nebenwirkungsquote.

Musiktherapie, Kunsttherapie oder tiergestützte Therapien wie die Reit- und die Delfintherapie können die anderen Behandlungsverfahren sinnvoll ergänzen und den Betroffenen zu mehr Lebensqualität verhelfen.

Autismus – Vorbeugung

Der Autismus-Spektrum-Störung lässt sich nicht vorbeugen. Eine frühzeitige Erkennung und Diagnose der Erkrankung ist jedoch sehr wichtig. Je früher die Diagnose Autismus gestellt wird, desto eher kann das betroffene Kind in seiner Entwicklung gefördert werden. Bei Hinweisen auf eine Autismusstörung wie beispielsweise einer fehlenden Kontaktaufnahme bei Babys oder einer eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit bei Kleinkindern sollten die Eltern schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen.

Bildnachweis: © Eric Cote (ID 136009358) / shutterstock.com

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