Multiple Sklerose (MS)
Bei der multiplen Sklerose (MS) kann je nach Ausprägung der Lähmungen auch ein Rollstuhl erforderlich sein
Krankheiten

Multiple Sklerose – Ursachen, Symptome und Therapie

Die multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch eine Entmarkung der Myelinscheiden im Zentralnervensystem gekennzeichnet ist. Dadurch kommt es zu Symptomen wie Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen.

Was ist die multiple Sklerose?

Die multiple Sklerose (MS) ist in der medizinischen Fachsprache auch als Encephalomyelitis disseminata (ED) bekannt. Es handelt sich um eine Erkrankung des Nervensystems, die mit Entzündungen einhergeht und einen chronischen Verlauf nimmt.

Die multiple Sklerose gehört zu den sogenannten demyelinisierenden Erkrankungen. Bei diesen Entmarkungskrankheiten kommt es zu einer Demyelinisation der Nervenzellen. Manche Nervenzellen von Wirbeltieren umgibt eine Markscheide, die auch als Myelinscheide bezeichnet wird. Diese fettreiche Ummantelung ermöglicht eine schnelle Erregungsleitung, sodass sich Reize im Nervensystem rascher ausbreiten können. Der Begriff Demyelinisation bezeichnet eine Schädigung oder vollständige Zerstörung dieser Markscheiden. Man spricht deshalb auch von einer Entmarkung. Bei der multiplen Sklerose entstehen viele verstreute Entzündungsherde in der weißen Substanz des Gehirns und des Rückenmarks, die schlussendlich zur Demyelinisation führen. Vermutlich liegt den Entzündungen eine Autoimmunreaktion zugrunde, bei der die körpereigenen Abwehrzellen die Markscheiden angreifen.

Die multiple Sklerose ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems in Europa. In Deutschland erkranken jedes Jahr 150 von 100.000 Einwohnern. Das entspricht rund 120.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Dabei sind Frauen nahezu doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Die multiple Sklerose ist nicht heilbar, jedoch lassen sich die Symptome und der Krankheitsverlauf durch verschiedene therapeutische Maßnahmen häufig positiv beeinflussen. Die Sterblichkeit ist bei dem Großteil der Patienten nicht deutlich erhöht. Ausnahme ist die Marburg-Variante der Erkrankung, die vor allem junge Patienten betrifft. Hier treten bereits zu Beginn ausgeprägte Krankheitsschübe auf. Diese führen innerhalb weniger Monate zu schweren Behinderungen oder sogar zum Tod.

Multiple Sklerose – Ursachen

Die genauen Ursachen sind bisher nicht bekannt. Es handelt sich jedoch vermutlich um ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen, das sowohl von genetischen als auch von äußeren Faktoren beeinflusst wird.

Bei der Krankheitsentstehung spielt die genetische Veranlagung eine Rolle. Die multiple Sklerose ist keine klassische Erbkrankheit, jedoch weist ein Teil der Erkrankten spezielle genetische Variationen auf. Viele dieser Variationen haben eine Verbindung zum Immunsystem und sind auch als Risikofaktor für Autoimmunkrankheiten wie Diabetes mellitus bekannt. Zudem sind einige ethnische Gruppen seltener von der MS betroffen. So erkranken Afroamerikaner seltener als andere ethnische Zugehörigkeiten. Auch dieser Fakt deutet auf eine genetische Beteiligung hin. Ebenso liegt das Erkrankungsrisiko bei eineiigen Zwillingen bei mehr als 30 Prozent, wenn ein Zwilling bereits an MS erkrankt ist. Je geringer der Grad der Verwandtschaft, desto geringer ist das Erkrankungsrisiko.

Als ein auslösender Faktor stehen zudem Infektionen in der Kindheit zur Diskussion. So wird verschiedenen Viren wie dem Humanen Herpesvirus 6 und dem Epstein-Barr-Virus, dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, eine Bedeutung bei der Krankheitsentstehung zugesprochen.

Auch bakterielle Infektionen mit Chlamydien oder Spirochaeten sowie mit Rickettsien können die Entstehung der multiplen Sklerose begünstigen. Vermutlich beruht dies auf einer sogenannten Kreuzreaktivität der Erreger mit Eiweißbestandteilen der Markscheiden. Dabei binden sich die Antikörper, die der Körper gegen die Erreger produziert, nicht nur an die Erreger selbst, sondern auch an die Myelinscheiden. Dort rufen sie Entzündungen hervor. Jedoch scheinen nur bestimmte Infektionen diese Reaktion zu provozieren. So können andere Infekte im Kindesalter gemäß der Hygienehypothese die Anfälligkeit für die Erkrankung sogar senken. Auch ein hoher Vitamin-D-Spiegel im Kindesalter kann einer MS-Erkrankung im Erwachsenenalter scheinbar vorbeugen.

Eine wichtige Rolle in der Krankheitsentstehung spielen zudem Schadstoffe und Umweltgifte. So haben Raucher ein bis zu anderthalbfach erhöhtes Erkrankungsrisiko. Zudem tendieren Raucher mit multipler Sklerose zu schwereren Verlaufsformen und weisen vermehrt Behinderungen durch die Erkrankung auf. Aber auch andere Schadstoffe können sich negativ auf die Gesundheit des Nervensystems auswirken. In einigen Studien zeigen sich Zusammenhänge zwischen Amalgamfüllungen der Zähne und der multiplen Sklerose. Andere Studien konnten diesen Zusammenhang jedoch nicht bestätigen.

Im Gegensatz dazu gilt Übergewicht in der Kindheit als gesicherter Risikofaktor für die Entwicklung der multiplen Sklerose im Erwachsenenalter. Ebenso konnte ein Zusammenhang zwischen Impfungen, insbesondere der Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus, und dem Auftreten der MS gefunden werden.

Da deutlich mehr Frauen als Männer erkranken, gehen einige Experten zudem davon aus, dass bei der Entstehung der multiplen Sklerose hormonelle Faktoren eine Rolle spielen. Auch die Darmflora scheint bei der Krankheitsentwicklung beteiligt zu sein. So findet sich bei vielen MS-Patienten eine ungünstige Zusammensetzung der bakteriellen Flora im Darm. Man spricht hier von einer Dysbiose. Da Antibiotika die Darmflora nachhaltig schädigen können, wird die häufige Gabe von Antibiotika von verschiedenen Forschern als Risikofaktor für die multiple Sklerose betrachtet.
Schlussendlich entstehen unabhängig von der möglichen Ursache bei allen Patienten herdförmige entzündliche Läsionen, die zu einer Entmarkung der Nervenzellen im Zentralnervensystem führen.

Multiple Sklerose – Symptome

Die multiple Sklerose kann verschiedene Verläufe nehmen. Grundsätzlich kann zwischen einer schubweise und einer fortschreitenden MS unterschieden werden.

Bei der schubförmig verlaufenden multiplen Sklerose lassen sich einzelne Schübe voneinander abgrenzen. Ein Schub ist als das neue oder wiederholte Auftreten von Symptomen definiert. Diese halten für mindestens einen Tag an, können aber auch mehrere Wochen andauern. Zwischen zwei Schüben müssen zudem definitionsgemäß 30 Tage liegen. Nach jedem Schub ist eine komplette oder vollständige Remission (Rückbildung) der aufgetretenen Symptome möglich. Bei der fortschreitenden multiplen Sklerose zeigen sich in der Regel keine Schübe. Die Symptome entwickeln sich hier schleichend stetig fort. Die schubweise verlaufende MS betrifft rund 85 Prozent der Patienten. Nur 15 Prozent leiden unter der fortschreitenden multiplen Sklerose.

Die ersten Symptome der MS zeigen sich meist im Alter zwischen 16 und 42 Jahren. Die Symptome sind sehr vielfältig und unterscheiden sich je nach Lokalisation der Entmarkung. Deshalb wird die multiple Sklerose auch als die Erkrankung mit den tausend Gesichtern bezeichnet. Statistisch betrachtet sind Empfindungsstörungen an Armen oder Beinen das häufigste Erstsymptom bei MS-Patienten. Auch Sehstörungen treten insbesondere bei jüngeren Patienten sehr häufig auf. Diese machen sich in Form von unscharfem Sehen oder einem trüben Schleier sowie durch das Sehen von Doppelbildern bemerkbar.

Einige Patienten leiden zu Beginn ihrer Erkrankung unter einer gestörten Muskelfunktion, die mit Lähmungen oder einer Muskelsteifigkeit einhergeht. Ferner können Gleichgewicht und Koordination gestört sein. In selteneren Fällen zeigt sich die MS zu Beginn in Form von Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz oder einer verwaschenen Sprache. Im Krankheitsverlauf können weitere Beschwerden auftreten. Aufgrund einer krampfhaft erhöhten Spannung der Muskeln, einer sogenannten Spastik, kommt es zu Gangstörungen. Die Patienten klagen über Kraftlosigkeit in den Beinen oder über Sensibilitätsstörungen. Ebenso treten Unsicherheiten beim Stehen und/oder Gehen auf. MS-Patienten sind häufig ungewöhnlich müde. Diese gesteigerte geistige und körperliche Ermüdbarkeit wird auch als Fatique bezeichnet.

Ebenso weisen viele der Betroffenen Darmentleerungsstörungen auf. Bei sehr schwer Erkrankten entwickeln sich zudem häufig psychische Störungen. Insbesondere Gefühlsstörungen und demenzielle Erkrankungen treten vermehrt auf. Je nach Verlauf der Erkrankung kann die multiple Sklerose zu schweren Behinderungen führen. Patienten mit ausgeprägten Lähmungen oder Spastiken sind auf einen Rollstuhl angewiesen und benötigen pflegerische Unterstützung.

Die Lebenserwartung wird durch die MS hingegen nur wenig beeinflusst. So gehen Experten davon aus, dass MS-Patienten durchschnittlich sechs bis sieben Jahre weniger leben als Menschen ohne multiple Sklerose. Die genaue Prognose der Erkrankung hängt jedoch von vielen individuellen Faktoren ab.

Multiple Sklerose – Therapie

Bislang kann die MS nicht geheilt werden. Mithilfe der verschiedenen therapeutischen Maßnahmen soll dem Fortschreiten der Erkrankung und dem Auftreten weiterer Schübe entgegengewirkt werden. Zudem soll die Therapie mögliche Komplikationen verhindern.

Bei einer funktionellen Beeinträchtigung des Patienten ist eine Schubtherapie während des Schubs erforderlich. Hoch dosierte Arzneimittel aus der Wirkstoffgruppe der Glucocorticoide können die Rückbildung der Symptome begünstigen. Dieser Effekt wird auf die entzündungshemmende Wirkung zurückgeführt. Üblicherweise erhalten die Patienten das künstliche Glucocorticoid Methylprednisolon intravenös über mehrere Tage als Infusion.

Sollte diese Therapievariante den Schub nicht beenden, kann eine Plasmapherese durchgeführt werden. Hier wird das Blutplasma der Patienten mittels eines Plasmapheresegeräts ausgetauscht und so von den entzündungsverursachenden Antikörpern gereinigt. Da es dabei in seltenen Fällen zu schweren Störungen des Herz-Kreislauf-Systems kommen kann, wird das Verfahren in der Regel nur bei Patienten durchgeführt, die während des Schubs unter starken Beeinträchtigungen wie beispielsweise Lähmungen leiden.

Zudem wird bei der schubweise verlaufenden MS auch außerhalb der Schübe eine frühe immunmodulatorische Therapie empfohlen. Dazu kommen Immunmodulatoren wie Beta-Interferon-Präparate oder Therapeutika wie Glatirameracetat zum Einsatz. Diese sollen die Immunantwort des Organismus regulieren, überschießende Immunreaktionen dämpfen und gleichzeitig entzündungshemmende Immunzellen zu den Entmarkungsherden locken. Die Therapie mit den Immunmodulatoren wird in der Regel so lange fortgeführt, bis sich ein zufriedenstellender Effekt auf die Entwicklung der Erkrankung einstellt oder bis schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören unter anderem eine Abnahme der weißen Blutkörperchen, Depressionen, Schlaflosigkeit und ein Anstieg der Leberwerte.

In der Behandlung der fortschreitenden multiplen Sklerose wird vor allem der Arzneistoff Mitoxantron genutzt. Es handelt sich dabei um ein Zytostatikum, das auch in der Krebstherapie zum Einsatz kommt.

Zusätzlich erfolgt bei beiden Verlaufsformen auch eine symptomatische Behandlung. Gehbehinderungen und Bewegungsstörungen bessern sich häufig bei regelmäßiger Krankengymnastik. Ferner kommt eine Behandlung mit einem Kaliumkanalblocker in Betracht, der die Muskeln stimulieren kann. Das erleichtert den Betroffenen das Gehen. Spastiken, die durch Entzündungsherde in den Pyramidenbahnen entstehen, werden hingegen mit Physiotherapie behandelt. Insbesondere das Bobath-Konzept bietet sich an, um die erhöhte Spannung der Muskulatur zu hemmen und so zu einer Entspannung beizutragen. Alternativ können die Patienten mit den Arzneistoffen Baclofen oder Triamcinolon behandelt werden.

Ein Großteil der MS-Patienten leidet zudem unter Störungen der Sexualität. In diesen Fällen ist eine Sexualberatung mit dem Partner zu empfehlen. Hier werden die Patienten über die möglichen Gründe ihrer Störung aufgeklärt, zugleich kann der Therapeut mögliche Lösungsansätze aufzeigen. Zur symptomatischen Therapie der Sexualstörungen eignen sich bei Männern Phosphodiesterasehemmer wie Sildenafil oder Tadalafil.

Blasenentleerungsstörungen, die sich häufig in Form von wiederkehrenden Harnwegsinfekten und Inkontinenz manifestieren, können nach einer spezifischen urologischen Diagnostik mit Beckenbodengymnastik und einer Katheterisierung behandelt werden. Schwerere Harnwegsinfekte erfordern bei Patienten mit multipler Sklerose immer eine Antibiose.

Multiple Sklerose – Vorbeugung

Da die Ursachen der Erkrankung noch nicht geklärt sind, ist eine Prävention nicht möglich. Allerdings kann man den Krankheitsverlauf durchaus positiv beeinflussen. Mit einer frühzeitigen und kontinuierlichen Behandlung, lassen sich die Häufigkeit und die Schwere der Schübe reduzieren. Wer unter einer multiplen Sklerose leidet, sollte zudem verschiedene Risikofaktoren meiden, um einem Schub vorzubeugen. Dazu gehören zum Beispiel Medikamente, die das Immunsystem anregen, Stress und Infektionen.

Auch Schwankungen im Hormonhaushalt begünstigen die Entstehung eines Schubs und sollten deswegen gegebenenfalls behandelt werden. Ferner können bestimmte aktive Impfungen und auch die Hyposensibilisierung, die zur Behandlung von Allergien durchgeführt wird, einen Schub auslösen. MS-Patienten sollten dies berücksichtigen und regelmäßig Absprache mit ihrem behandelnden Arzt halten.

Bildnachweis: © Photographee.eu (ID 346612133) / shutterstock.com

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